Der Film

Die Restauration

Zu Beginn des Jahres 1996 begann Ortwin Freyermuth mit den Vorbereitungen zur neuen Schnittfassung von Wolfgang Petersens DAS BOOT. Inzwischen hatte fast jeder Mitwirkende der 81er-Version eine steile Karriere hinter sich. Jürgen Prochnow, der vor DAS BOOT der bekannteste Darsteller der Crew war, stieg zum internationalen Star auf, Herbert Grönemeyer wurde ein Pop-Idol für Millionen, und Jost Vacano avancierte zu einem der meistbeschäftigten Kameramänner Hollywoods – die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Dennoch erklärten sich auf Anfrage alle ausnahmslos bereit, an der „Director’s Cut“-Fassung wieder mitzuwirken. Schliesslich hat DAS BOOT ihr Leben verändert. „Es ist uns gelungen, das komplette Original-Team zu versammeln“, freut sich Wolfgang Petersen. „Und alle erinnerten sich noch an jedes einzelne Detail. Es war, als hätten wir den Film gestern abgedreht.“ Wylie Stateman, der Ton-Designer und langjährige Mitarbeiter des Regisseurs, erklärt dies so: „die Arbeit an dem Projekt betrachteten wir immer als eine Art Liebesdienst. Daher war es für und überhaupt keine Frage, dass wir sofort gekommen sind, um Wolfgang bei der Realisierung seiner Wunschvorstellung zu helfen.“

Volle Fahrt nahm die Mission schliesslich auf, als der ursprüngliche Cutter Hannes Nikel ungefähr 500 verschiedene Ton- und Filmeinheiten nach Hollywood mitbrachte. In den Münchner Bavaria Studios hatten diese die langen Jahre erstaunlich gut überstanden. Nikel erzählt: „Das Material war hervorragend dazu geeignet, um dem Film eine grössere emotionale Tiefenschärfe zu verleihen. Gleichzeitig konnte mit den bisher ungenutzten Szenen noch mehr Spannung erzeugt werden, weil sie die Charaktere besser herausarbeiteten und das Leben an Bord detaillierter zeigten.“

Nikel arbeitete eng mit Wolfgang Petersen zusammen, um dessen Idealvorstellung so exakt wie möglich zu verwirklichen. Den beiden Männern ging die erneute Arbeit an DAS BOOT fast spielend von der Hand. „Diese Version von DAS BOOT ist wirklich das, was wir vor 15 Jahren schon machen wollten“, betont Nikel. „Umso leichter war es jetzt, weitere Szenen einzufügen. Das Material bot sich quasi von selbst an den richtigen Stellen an.“

Am umfassendsten war die Arbeit am Ton. Bei diesem ungewöhnlichen U-Boot-Abenteuer sind die Geräusche ebenso wichtig wie die Bilder. Die Männer unter der Meeresoberfläche leben und überleben fast ausschliesslich mittels ihres Gehörs. Gefangen in einer Metallröhre, ist es für sie die einzige Verbindung zur Aussenwelt. Nur wenn sie auf das kleinste Geräusch achtgeben, sind sie imstande, rechtzeitig zu reagieren. Das gilt für das Herannahen eines Zerstörers ebenso wie für das Lösen einer Niete. Diese existentielle Bedeutung des Hörens sollte auch für den Zuschauer sinnlich erfahrbar werden. „Schon der Original-Sound des Films ist brillant“, betont Freyermuth. „Die beiden Oscar-Nominierungen hierfür waren vollkommen verdient. Daher wollten wir an diesem Konzept auch nichts ändern, sondern waren ausschliesslich bestrebt, den Ton den modernen technischen Bedingungen anzupassen. Heute ist ja bedeutend mehr möglich. Mittels individuell einstellbarer Surround-Lautsprecher kann man die Illusion von Bewegung erzeugen, die Zuschauer wähnen sich sozusagen mittendrin im Geschehen. Vor 15 Jahren konnte man mit dem Geräusch eines sich lösenden Bolzens die Zuschauer noch nicht von den Sitzen reissen, doch heutzutage reagiert das Publikum darauf ähnlich wie die Crew der U 96.“

Als Grundlage für die Modernisierung des Tons dienten die über 400 Originalkassetten. Die Arbeit mit diesen Tonträgern versprach eine bisher n och nie dagewesene Freiheit der technischen Modernisierung von Kompositionen. Doch zuvor mussten die Toningenieure noch ein riesiges Problem lösen: Während der Lagerung in den Hallen der Münchner Bavaria Studios waren die Kassetten feucht geworden und nahezu zerstört. Nach langen Gesprächen mit mehreren Experten der Bavaria Studios und dem Kassetten-Hersteller BASF kam man zu dem Schluss, dass es nur eine Möglichkeit gäbe, den Originalton doch noch zu digitalisieren: Man trocknete die Tonträger bei zehn Grad Celsius 24 Stunden lang. Das ungewöhnliche Verfahren funktionierte und die Toningenieure konnten mit ihrer Arbeit beginnen.

Eine der grössten Veränderungen wurde durch die Überspielung des Tons von vierspurigen auf achtspurige Bänder erreicht. Dadurch konnte das Frequenzspektrum wesentlich erweitert werden. Explosionen klangen jetzt realer und einbrechendes Wasser noch furchteinflössender. Toncutter Michael Keller erklärt den technischen Hintergrund: „Surround-Lautsprecher erzeugen die Illusion, dass die Wassermassen von allen Seiten auf die Zuschauer niederprasseln, Flugzeuge scheinen von hinten heranzufliegen und die gesamt Geräuschkulisse versetzt das Publikum in die Lage der in dem U-Boot eingeschlossenen Besatzung.“ Neue Toneffekte wurden hinzugefügt, wie etwa Geräusche aus Wasserbecken oder auch der Lärm, den ein explodierender Tank verursacht. Jeder einzelne Raum des U-Boots erhielt seine eigene akustische Charakteristik. Dazu Keller: „Der Original-Dialog wurde in einem Studio aufgenommen. Dadurch fehlte der typische Klang innerhalb eines metallenen Behälters. Die heutigen technischen Möglichkeiten haben es uns erlaubt, nachträglich diese spezifische Geräuschkulisse einzubauen.“

Ausserdem konnten die Original-Töne an vielen Stellen so verändert werden, dass sie jetzt exakt Petersens ursprünglichem Konzept entsprechen. Sound Designer Wylie Stateman erläutert dies so: „ Wolfgang wollte Momente absoluter Stille mit Szenen kontrastieren, in denen der Lärm plötzlich regelrecht explodiert. Der grosse Vorteil der digitalen Technik ist es, dass der Eindruck eines Tons wesentlich verstärkt wird – leise klingt also eindringlicher und laut dynamischer.“

Nachdem die Dialoge digitalisiert worden waren, mussten sie komplett neu geschnitten werden. Mit Hilfe extrem leistungsfähiger Computer gelang es, alt und neu aufeinander abzustimmen. Zuletzt mischte Klaus Doldinger noch seinen grossartigen Soundtrack im Digitalverfahren neu ab, so dass die restaurierte Fassung von DAS BOOT dann nach einem Jahr intensiver Arbeit fertiggestellt werden konnte.